VW droht neue Klagewelle wegen EA888-Ölverbrauch
Die Kläger werfen Volkswagen vor, dass die Motoren einen Konstruktionsfehler aufweisen, der zu übermäßigem Ölverbrauch führt. Im Extremfall, so die Argumentation, könne das Problem zu plötzlichem Motorausfall oder gar Totalschäden führen. Volkswagen hingegen beharrt darauf, dass der Ölverbrauch im normalen Bereich liege.
Im Fokus steht vor allem der Volkswagen Tiguan der Baujahre 2022 bis 2023, doch das Problem betrifft weit mehr als nur ein einzelnes SUV.
Der angebliche Konstruktionsfehler im Detail
Im Zentrum der Klage steht der EA888-Motor, das Rückgrat zahlreicher Modelle von Volkswagen und Audi. Von den Klägern zitierte Experten machen fehlerhafte oder zu schwache Kolbenringe verantwortlich, die überschüssiges Öl nicht ausreichend von den Zylinderwänden abstreifen. Dadurch gelangt Öl in den Brennraum und verbrennt dort.
Das Verbrennen von Öl führt zu Kohlenstoffablagerungen, die mit der Zeit das Kurbelgehäuse-Entlüftungssystem verstopfen können. Ist das PCV-Ventil erst einmal blockiert, baut sich im Kurbelgehäuse Überdruck auf. Dieser Überdruck kann Dichtungen und Wellendichtringe beschädigen und im schlimmsten Fall sogar die Kunststoff-Ölwanne zum Reißen bringen.
Fahrzeughalter berichten von einem Ölverbrauch zwischen 0,5 und 1 Liter auf 1000 bis 2000 Kilometer. Werkstätten verweigern angeblich größere Reparaturen wie den Austausch der Kolbenringe selbst dann, wenn das Fahrzeug noch in der Garantiezeit ist. Die Begründung: Der Verbrauch liege innerhalb der vom Hersteller angegebenen Toleranz.
Viele Modelle betroffen
Da der EA888-Motor in zahlreichen Modellen verbaut ist, ist das potenzielle Ausmaß beträchtlich.
Zu den in der Klage genannten Volkswagen-Modellen zählen Tiguan, Atlas, GTI, Golf R und Jetta. Bei Audi stehen A3, A4, A5, Q3, Q5 und TT auf der Liste. Es geht also um einige der meistverkauften Benziner der Gruppe.
Anfang Januar dieses Jahres wies das Gericht einen Großteil der Einwände von Volkswagen ab und ließ die Klage zu. Damit könnten Hunderttausende Besitzer Anspruch auf Entschädigung oder kostenlose Motorreparaturen erhalten, falls die Kläger am Ende Recht bekommen.
Ruf und Milliardenrisiko
Analysten warnen: Eine Strategie des Leugnens könnte teuer werden. Wer alle paar Wochen Öl nachfüllen muss, sieht darin kaum einen sympathischen Spleen. Für eine Marke, die auf deutsche Ingenieurskunst setzt, sind anhaltende Vorwürfe übermäßigen Ölverbrauchs Gift für das Vertrauen.
Sollte das Gericht einen groß angelegten Rückruf zum Austausch der Kolbenringe in Hunderttausenden EA888-Motoren anordnen, könnte die Rechnung in die Milliarden gehen. Auch die Umwelt leidet: Ölverbrennung schädigt Katalysatoren und erhöht die Emissionen – ein Problem, das mit aktuellen Vorschriften kaum vereinbar ist.
Was betroffene Fahrer tun sollten
Wer ein Fahrzeug mit EA888-Motor fährt, sollte alles dokumentieren: Quittungen für nachgekauftes Öl aufbewahren und beim Vertragshändler einen offiziellen Ölverbrauchstest verlangen.
Blindes Vertrauen in 30.000-Kilometer-Inspektionsintervalle ist riskant. Besser ist es, den Ölstand alle 1000 Kilometer zu prüfen. Blauer Rauch beim Kaltstart, unrunder Motorlauf oder eine leuchtende Motorkontrollleuchte sind Warnsignale, dass der Ölverbrauch längst kein Bagatellproblem mehr ist.
Für Volkswagen war der EA888 lange ein technisches Zugpferd. Ob er nun zum finanziellen und rufschädigenden Risiko wird, entscheidet sich vor Gericht. So oder so: Die Affäre ist ein weiteres unangenehmes Kapitel in der jüngeren Konzerngeschichte.