Das moderne Auto altert nicht mehr durch Rost, sondern durch den Server
Das moderne Auto besteht längst nicht mehr nur aus Motor, Getriebe und Karosserie. Es ist auch ein Computer, abhängig von Software, Cloud-Diensten, einer Smartphone-App und den Servern des Herstellers. Während der Garantie klingt das komfortabel: Updates kommen ins Fahrzeug, Fehler werden behoben, neue Funktionen tauchen auf. Die eigentliche Frage stellt sich später: Was passiert, wenn die Garantie endet und das Interesse des Herstellers an der Unterstützung eines älteren Modells nachlässt?
Die softwaregetriebene Zukunft hat ein Ablaufdatum
Die Autoindustrie verkauft inzwischen eine softwaregetriebene Zukunft, sagt aber oft nicht dazu, wie lange diese Zukunft tatsächlich hält. Mit dem Ende der Garantie hört die Versorgung mit Updates nicht automatisch auf. Dennoch erhalten Käufer nur selten eine klare Zusage, dass Sicherheitsupdates, vernetzte Dienste und kritische Softwarekorrekturen über die vernünftige Lebensdauer eines Autos hinweg weiterlaufen.
Das ist relevant, weil ein Auto ohne Weiteres 10, 15 oder sogar 20 Jahre auf der Straße bleiben kann. Eine Softwareplattform, ein Modem oder ein Cloud-Dienst kann eine deutlich kürzere Lebensdauer haben. Genau dort beginnt die unangenehme Grauzone.
Vernetzte Dienste können einfach verschwinden
Das sichtbarste Risiko ist der Verlust vernetzter Dienste. Fernstart, digitale Schlüssel, Fahrzeugortung, Notrufe, Erkennung gestohlener Fahrzeuge, Live-Verkehrsinformationen und Teile des Navigationssystems können nach einer kostenlosen Phase kostenpflichtig werden oder ganz verschwinden.
Der Eigentümer hat das Auto dann zwar noch, aber nicht zwingend dasselbe Auto, das einst neu verkauft wurde. Es ist ein wenig so, als würde man ein Haus kaufen und fünf Jahre später feststellen, dass jemand das Flurlicht hinter ein Abonnement gestellt hat.
Cybersicherheit geht nicht mit der Garantie in Rente
Das zweite Risiko ist die Cybersicherheit. Ein Auto wird nicht in dem Moment zum Spielzeug für Hacker, in dem die Garantie abläuft. Wenn die Software aber keine Patches mehr erhält, wächst das Risiko mit jedem Jahr.
Die Schwachstelle muss nicht einmal das Auto selbst sein. Oft sind es die App des Herstellers, das Benutzerkonto, der Cloud-Server, das Händlerportal oder ein Telematikdienst eines Drittanbieters. Frühere Fälle haben gezeigt, dass Schwachstellen dazu führen konnten, dass Autos entriegelt, gestartet, verfolgt oder um ihren Standortverlauf gebracht wurden.
Das Auto ist auch ein fahrender Datensammler
Hinzu kommt der Datenschutz. Ein modernes Auto weiß, wohin sein Besitzer fährt, wann er fährt, wie er beschleunigt, welches Telefon er nutzt und welche Dienste er mit dem Fahrzeug verbindet. Wenn ein Hersteller diese Daten intransparent erhebt oder mit externen Parteien teilt, ist das Auto nicht mehr nur ein Transportmittel. Es wird zu einem rollenden Datensammler.
Dieses Risiko endet nicht mit der Garantie. Bei einem Gebrauchtwagen kann die Lage sogar noch unübersichtlicher werden, weil der neue Besitzer womöglich gar nicht weiß, welche Konten, Telefone oder Dienste zuvor mit dem Fahrzeug verknüpft waren.
Auch digitale Sicherheitsnetze können verschwinden
Das vierte Risiko betrifft die Sicherheit. Wenn ein Hersteller die Unterstützung für eine ältere Konnektivitätsplattform einstellt, können auch Dienste entfallen, die der Käufer als Teil der Sicherheitsausstattung des Autos betrachtet hat. Automatische Notrufe, Fehlermeldungen und die Wiederauffindung gestohlener Fahrzeuge hängen oft von einer Verbindung, einem Server und einem aktiven Dienst ab.
Das Auto fährt dann zwar noch. Ein Teil seines digitalen Sicherheitsnetzes kann aber bereits verschwunden sein.
Die Checkliste für Gebrauchtwagen verändert sich
Das fünfte Problem ist der Gebrauchtwagenmarkt. Künftig reicht es beim Kauf eines gebrauchten Autos nicht mehr, nur zu fragen, ob der Motor läuft und die Karosserie gerade ist. Käufer müssen auch wissen, welche Modemgeneration das Auto nutzt, ob sich die Software noch aktualisieren lässt, ob die Dienste des Herstellers weiterhin aktiv sind, ob digitale Schlüssel entfernt wurden, ob Konten zurückgesetzt wurden und ob das Modell noch Sicherheitsupdates erhält.
Der Zustand eines Gebrauchtwagens ist nicht mehr nur mechanisch. Er ist auch digital.
Das eigentliche Problem ist die mangelnde Klarheit
Die größte Sorge ist nicht, dass jedes Auto schlagartig unsicher wird, sobald die Garantie endet. So einfach ist es nicht. Das eigentliche Problem ist die Transparenz.
Autohersteller sprechen gern über Over-the-Air-Updates, Softwareplattformen und digitale Dienste. Deutlich weniger bereitwillig sagen sie, wie lange Software-Support tatsächlich garantiert ist.
Chinesische Autos sind dafür ein nützliches Beispiel. Viele kommen mit moderner Elektronik, umfangreichen App-Funktionen, Kameras, Sensoren, Cloud-Anbindung und softwarebasierter Steuerung auf den Markt. Digital sind viele von ihnen europäischen Herstellern voraus. Das macht sie aber auch riskanter. Je mehr Verbindungen ein Auto hat, desto größer wird die Angriffsfläche.
Die große Frage ist, was nach 7 bis 10 Jahren passiert. Wird eine Marke, die in Europa eingetreten ist, dann noch Server, eine App, Ersatzteile, Software-Updates, Unterstützung außerhalb der Garantie und Dienste für den lokalen Markt bereitstellen? BYD, MG und SAIC, Geely und Zeekr, Nio, Xpeng, Chery, Leapmotor und andere sind nicht alle gleich. Viele von ihnen haben in Europa aber noch keine lange Lebensdauer im Service bewiesen.
Das Auto kann physisch weiterhin in gutem Zustand sein, während seine digitale Seite altert wie ein altes Android-Tablet. Es fährt hoch, aber niemand pflegt es noch wirklich. Und niemand weiß so genau, wann Genosse Major beschließen könnte, den Stecker aus der Wand zu ziehen.
Software-Support sollte Teil des Vertrags sein
Das muss sich ändern. Wenn Sicherheit, Wert und Nutzbarkeit eines Autos von Software abhängen, dann sollte die Dauer des Software-Supports ebenso klar benannt werden wie die Kilometergarantie oder das Serviceintervall. Käufer müssen wissen, wie lange Sicherheitsupdates kommen, welche Dienste nur vorübergehend verfügbar sind, was später kostenpflichtig wird und welche Funktionen mit einem Netz oder Server verschwinden können.
Andernfalls erreichen wir einen Punkt, an dem Autos nicht mehr nur durch Rost, ausgeschlagene Buchsen und müde Batterien altern. Sie altern, weil irgendwo in einem Serverraum jemand entscheidet: Wir unterstützen dieses Modell nicht länger.
Das ist die nächste große Vertrauenskrise der Autoindustrie. Kein Motorschaden, sondern das gebrochene Versprechen, dass ein Computer auf Rädern noch lange sicher bleibt, nachdem der Champagner im Autohaus längst schal geworden ist.