Mercedes-Benz plant in Rastatt
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Mercedes drängt deutsche Werke zu Kostensenkungen, während Kecskemét zum größten europäischen Werk wird

Autor auto.pub | Veröffentlicht am: 21.07.2026

Mercedes-Benz will die Kosten in seinen deutschen Pkw-Werken senken und fordert die Beschäftigten auf, länger zu arbeiten, ohne dass die Bezahlung entsprechend steigt. Wird mit den Arbeitnehmervertretern und der IG Metall keine Einigung erzielt, könnten weitere Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden. Gleichzeitig macht ein Ausbau für 1 Milliarde Euro das Werk im ungarischen Kecskemét zum größten Produktionsstandort von Mercedes-Benz in Europa.

Längere Arbeitszeiten oder weniger Arbeitsplätze in Deutschland

Produktionschef Michael Schiebe sagte dem Handelsblatt, die deutschen Werke von Mercedes-Benz müssten ihre Arbeitskosten senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der bevorzugte Ansatz des Managements ist, die Arbeitszeit zu erhöhen, ohne das Monatsentgelt im gleichen Verhältnis anzuheben.

Tarifverträge in der deutschen Metall- und Elektroindustrie sehen in vielen Werken, darunter auch an Mercedes-Benz-Standorten, eine 35-Stunden-Woche vor. Der Aufsichtsratsvorsitzende von Mercedes-Benz, Martin Brudermüller, hat die Debatte über eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche neu angestoßen. Schiebe unterstützt längere Arbeitszeiten bei gleichem Monatsentgelt und will zudem die in den Tarifverträgen geregelten zusätzlichen Zahlungen überprüfen.

Das Unternehmen hat bereits einen Schritt in diese Richtung unternommen. Mercedes hat eine tarifvertraglich vereinbarte Sonderzahlung für rund 90.000 Beschäftigte, die im Juli 2026 fällig gewesen wäre, verschoben. Die als Transformationskomponente bezeichnete Zahlung entspricht 18,4 Prozent eines Monatsentgelts und soll nun 2027 ausgezahlt werden.

Der Wechsel von einer 35- zu einer 40-Stunden-Woche würde 14,3 Prozent mehr Arbeitszeit ohne eine entsprechende Erhöhung des Entgelts bedeuten. Für das Unternehmen würden dadurch die Arbeitskosten pro Stunde sinken. Für die Beschäftigten käme dies einem niedrigeren effektiven Stundenlohn gleich.

Die IG Metall hat sich entschieden gegen die Vorschläge gestellt. Die Gewerkschaft erklärte, Anfang Juli hätten sich an Mercedes-Benz-Werken und anderen Standorten in ganz Deutschland mehr als 33.000 Beschäftigte an Protesten beteiligt.

Schiebe sagte, ein Scheitern der Verhandlungen könne Mercedes dazu veranlassen, weitere Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Werksschließungen bezeichnete er als Extremszenario, das das Unternehmen vermeiden wolle.

In dem Interview wurde weder die Schließung eines deutschen Werks angekündigt noch eine neue Zahl für den Abbau von Arbeitsplätzen in den Werken genannt. Vorerst ist die Möglichkeit einer Verlagerung daher eine Verhandlungsdrohung und kein bestätigtes Schließungsprogramm.

Standortbezogene Produktionskosten sind in Ungarn deutlich niedriger

Der bevorzugte Vergleich des Managements ist das Werk in Kecskemét, rund 90 km südöstlich von Budapest. Mercedes-Benz schätzt, dass die standortbezogenen Produktionsfaktorkosten dort etwa 70 Prozent niedriger sind als in Deutschland.

Das bedeutet nicht, dass ein vollständig in Ungarn gebautes Auto in der Herstellung 70 Prozent weniger kostet. Die Zahl bezieht sich auf standortabhängige Produktionsfaktoren und nicht auf die Gesamtkosten eines fertigen Fahrzeugs. Schiebe verwies außerdem auf längere Arbeitszeiten in Ungarn und geringere Fehlzeiten aufgrund von Krankheit als in den deutschen Werken.

Die maximale Jahreskapazität in Kecskemét steigt von 200.000 auf bis zu 400.000 Fahrzeuge. Damit ist das Werk gemessen an der installierten Kapazität der größte europäische Standort von Mercedes-Benz und nach Angaben des Unternehmens der zweitgrößte Produktionsstandort weltweit.

Gleichzeitig senkt Mercedes die kombinierte Kapazität seiner deutschen Werke auf rund 900.000 Fahrzeuge pro Jahr – etwa 100.000 weniger als zuvor. Die weltweite Produktionskapazität soll von rund 2,5 Millionen Fahrzeugen im Jahr 2024 auf etwa 2,2 Millionen im Jahr 2028 sinken. Diese Zahlen beziehen sich auf die maximale Produktionskapazität, nicht auf die tatsächliche Produktion oder den Absatz. Mercedes-Benz bestätigte die Ziele bei der Veröffentlichung seiner Finanzergebnisse für 2025.

Das ist mehr als eine Modernisierung des Werks. Es ist eine deutliche Neuordnung der europäischen Produktionslandschaft von Mercedes-Benz.

Die elektrische C-Klasse gibt Kecskemét eine wichtigere Rolle

Mercedes hat rund 1 Milliarde Euro in den Ausbau von Kecskemét investiert. Nach Angaben des Unternehmens ist das Werksgelände von 200 auf 440 Hektar gewachsen. Das Projekt umfasste zwei neue Karosserie- und Montagehallen, ein zweites Presswerk, eine neue Lackiererei und eine Anlage zur Montage von Traktionsbatterien.

Das Werk beschäftigt mehr als 5.000 Menschen. In Kecskemét wurden bereits Elektroautos gebaut, doch die neue elektrische C-Klasse ist dort das erste Elektrofahrzeug in einem der Kernsegmente von Mercedes-Benz.

Auf der bestehenden Montagelinie können sowohl Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor als auch Elektroautos gebaut werden, während die neue Halle ausschließlich Elektrofahrzeugen vorbehalten ist. Dadurch kann Mercedes die Produktion flexibler an Veränderungen der Nachfrage anpassen – insbesondere, solange der Absatz von Elektroautos auf den europäischen Märkten sehr unterschiedlich stark wächst.

In Kecskemét soll neben Bremen auch der elektrische GLC gebaut werden, wobei die Produktion je nach Nachfrage flexibel verteilt wird. Nach den derzeitigen Plänen wird die kleinere G-Klasse in Ungarn produziert. Damit hätte das Werk zwei weitere Produktsäulen: ein Elektro-SUV mit höherem Volumen und eine kompakte G-Klasse mit hoher Markenattraktivität.

Eine digitale Fabrik senkt die Kosten, bevor die Produktion beginnt

Niedrigere Arbeitskosten sind nicht der einzige Vorteil von Kecskemét. Mercedes setzt in dem Werk sein digitales Produktionssystem MO360 ein und erstellte mit NVIDIA Omniverse einen vollständigen digitalen Zwilling der neuen Montagehalle. Ingenieure konnten Produktionsschritte simulieren, Anlagen virtuell testen und Engpässe beseitigen, bevor die physische Linie in Betrieb ging.

Die Solaranlagen des Werks haben eine gemeinsame Leistung von 42,3 MWp und decken rund ein Viertel des jährlichen Energiebedarfs. Die neue Lackiererei verbraucht etwa 20 Prozent weniger Energie als die bestehende Anlage und verursacht nach Angaben von Mercedes rund 80 Prozent weniger CO₂.

Mercedes bündelt an einem Standort niedrigere Produktionskosten in Mitteleuropa, moderne Automatisierung und den Zugang zum EU-Binnenmarkt. Die deutschen Werke verfügen weiterhin über umfassendes Entwicklungs-Know-how, erfahrene Belegschaften und engmaschige Zuliefernetzwerke. Sie müssen jedoch zunehmend zeigen, dass ihre höheren Kosten bei der Vergabe künftiger Modelle einen messbaren Vorteil bieten.

Der Stern mit den drei Spitzen verlässt Deutschland nicht, blickt aber mit wachsendem Interesse nach Osten. Der Ausbau von Kecskemét zeigt, dass ein berühmter Werksname und eine lange Geschichte allein künftig nicht mehr ausreichen, um neue Modelle zu sichern. Kosten pro Fahrzeug, Produktionsflexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit bestimmen zunehmend, wo ein Auto gebaut wird.