E-Autos für Bürger, aber 20 Minuten Laden zu viel für Kommissare?
Europas grüner Wandel zeigt einen kleinen, aber aufschlussreichen Riss. Nicht, weil Elektroautos schlecht wären. Sondern weil das E-Auto in Brüssel offenbar sehr schnell zum heiligen Objekt wird, solange es jemand anderes nutzen muss.
Politico berichtet, dass einige Beamte der Europäischen Kommission unzufrieden sind, weil ihre elektrischen Dienstwagen auf der Strecke zwischen Brüssel und Straßburg einen Ladestopp benötigen. Rund 440 Kilometer, oft nach einer langen Arbeitswoche, manchmal spät in der Nacht, und dann muss irgendwo in Luxemburg das Kabel in die Ladesäule. Eine Tragödie ist das natürlich nicht. Ein normaler Fahrer, der mit einem Elektroauto von einer Stadt in die nächste fährt und feststellt, dass die Ladesäule besetzt, defekt oder nur über irgendeine Drittanbieter-App nutzbar ist, würde an dieser Stelle leise unter Tränen lachen. Willkommen im echten Leben.
Genau darum geht es. Jahrelang erklärte man den Menschen, das Elektroauto sei unausweichlich. Der Verbrenner gehöre der Vergangenheit an. Der Markt müsse umgebaut, Steuern neu justiert, Hersteller müssten unter Druck gesetzt und Verbraucher in die richtige Richtung gelenkt werden. Wenn normale Menschen zögern, heißt es, das liege an Angst, Gewohnheit oder Desinformation. Müssen die Architekten desselben Systems aber mitten in der Nacht 20 bis 30 Minuten laden, wird daraus plötzlich ein „User-Experience-Problem“.
Das ist nicht die Schuld des Elektroautos. Viele Stromer sind hervorragend: schnell, leise, in der Stadt komfortabel und für Menschen mit eigener Wallbox absolut logisch. Aber ein Politiker, der eine Technologie für alle verpflichtend machen will, muss auch ehrlich über ihre Grenzen sprechen. Das Elektroauto ist noch kein universeller Ersatz für jedes Auto, in jedem Land, auf jeder Strecke und für jedes Budget. Es ist ein gutes Werkzeug, wenn die Bedingungen passen. Schlechte Politik beginnt dort, wo ein Werkzeug zum Glaubenssatz erklärt wird.
Fairerweise sollte die Europäische Kommission einem sehr einfachen Prinzip folgen. Bevor sie den Markt noch stärker verzerrt, sollten Politiker nach den Regeln leben, die sie allen anderen vorschreiben. Nicht eine Woche lang als Vorführung. Nicht fürs Pressefoto. Sondern richtig. Dienstwagen sollten elektrisch sein, geladen wird im öffentlichen Netz, ohne Ausnahmen, ohne reservierte Ladeplätze. Und wenn eine Ladesäule nicht funktioniert, dann funktioniert sie eben nicht. Genau wie bei normalen Bürgern.
Noch besser wäre: Ein Kommissar nutzt das Auto unter denselben Bedingungen wie ein durchschnittlicher Europäer. Kein separater Fahrer, der den Ärger abfedert. Kein Ersatzwagen um die Ecke. Keine diskrete Logistik, die die Probleme verschwinden lässt, bevor der ranghohe Beamte überhaupt einsteigt. Wenn die Politik gut ist, hält sie dem echten Leben stand. Wenn nicht, liegt der Fehler nicht bei den Menschen, sondern bei der Politik.
Im Moment entsteht der Eindruck, dass das Elektroauto für Brüssel ideal ist, solange seine Nachteile auf den Schultern von Steuerzahlern, Autoherstellern, Kleinunternehmern oder Menschen landen, die weit weg von einer Großstadt leben. Die Kommission will die Elektrifizierung von Flotten beschleunigen, Emissionsregeln verschärfen und dem Markt ein klares Signal senden. Gleichzeitig räumen ihre eigenen Dokumente ein, dass Ladeinfrastruktur, Preis, Restwerte und Nutzungsgewohnheiten echte Probleme sind. Sie verschwinden nicht durch einen Slogan. Und auch nicht, weil ein Beamter „grüner Wandel“ mit ausreichend feierlicher Stimme sagt.
Der zynischste Teil daran: Für normale Menschen ist ein Auto nicht nur ein moralisches Statement. Es ist Geld. Es bedeutet, zur Arbeit zu kommen. Kinder irgendwohin zu bringen, am Wochenende unterwegs zu sein, aufs Land zu fahren, einen Anhänger zu ziehen, mit Kälte klarzukommen und manchmal festzustellen, dass die Ladestation schlicht am falschen Ort steht. Für einen Brüsseler Kommissar ist ein Ladestopp eine Unannehmlichkeit. Für viele Europäer kann ein schlecht getaktetes oder unbezahlbares Elektro-Mandat zu einem Problem im Wert von mehreren Tausend Euro werden.
Die Regel könnte also einfach sein: Nehmt den Menschen keine Wahlmöglichkeiten, bevor eure eigene Wahl reibungslos funktioniert. Drängt den Markt nicht in einen einzigen Kanal, bevor Infrastruktur, Preise und Nutzererlebnis ausgereift sind. Und haltet der Öffentlichkeit keine Vorträge über Geduld, wenn ein 20-minütiger Ladestopp auf dem Rückweg aus Straßburg schon reicht, um die Büros der Macht nervös zu machen.
Elektroautos kommen ohnehin. Sie werden günstiger, besser und alltagstauglicher. Der Markt wird seinen Job machen, wenn man ihm Zeit und vernünftige Bedingungen gibt. Aber eine Politik, die Begeisterung von Bürgern erwartet, während Politiker selbst die Unannehmlichkeiten nicht ertragen, ist kein grüner Wandel. Sie ist ein moralischer Strafzettel auf Rädern.
Wenn die Europäische Kommission will, dass Menschen Elektroautos vertrauen, könnte sie mit etwas Einfachem beginnen. Sie sollte sie fahren. Sie sollte sie laden. Sie sollte dieselben Unannehmlichkeiten aushalten. Und wenn ihre Beamten eines Tages ehrlich sagen können, dass das System jetzt gut funktioniert, dann ist es vielleicht fair, vom Rest Europas dasselbe zu erwarten.