Bentley fährt Elektro-Plan zurück und setzt stärker auf Hybride und Profitabilität
Bentley hat seinen früheren Plan aufgegeben, bis zum Ende des Jahrzehnts fünf Elektroautos auf den Markt zu bringen. In der kurzfristigen Strategie bleibt nur noch das erste vollelektrische SUV, während Kapital wieder stärker in Hybride, ausgewählte Modelle mit Verbrennungsmotor und die Modernisierung des Werks fließt. Der Schritt steht für einen breiteren Realismus im Luxussegment: Die Nachfrage entwickelt sich bislang nicht schnell genug, um mehrere elektrische Nischenmodelle parallel zu rechtfertigen.
Bentley hat seine Elektrifizierungsstrategie faktisch in eine defensive und selektive Ausrichtung überführt. Während die Marke früher von fünf Elektro-Modellen vor 2030 sprach, bestätigte sie bis März 2026 öffentlich nur noch eines: ein neues, vollelektrisches Luxus-Urban-SUV mit einer Länge von unter fünf Metern. Die Premiere ist für Ende 2026 angekündigt, der Marktstart für 2027. Mehrere Publikationen werten das klar als Aufgabe von vier weiteren Elektroautos. Bentley selbst formuliert vorsichtiger, praktisch läuft es jedoch auf dasselbe hinaus. Der frühere Elektro-Vorstoß ist gestoppt.
2025 erzielte Bentley einen operativen Gewinn von 216 Millionen Euro, ein Minus von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz sank auf 2,6 Milliarden Euro, die Auslieferungen gingen um fünf Prozent zurück. Als Hauptbelastungen nannte das Unternehmen einen schwächeren chinesischen Markt, die Auswirkungen von US-Zöllen, Währungseffekte sowie Kosten im Zusammenhang mit Plattform-Entscheidungen im Volkswagen-Konzern. Im selben Paket kündigte Bentley zudem bis zu 275 Stellenstreichungen an, um die Kostenbasis an einen sich abkühlenden Markt anzupassen.
Die strategische Botschaft ist eindeutig: Bentley will die Margen schützen, bevor es sich auf ein größeres Elektro-Investitionsprogramm festlegt. Im November 2025 verlängerte das Unternehmen seinen Beyond100+-Plan, sodass Plug-in-Hybride mindestens bis 2035 im Programm bleiben. CEO Frank-Steffen Walliser ließ zudem die Tür für weitere Sondermodelle mit Verbrennungsmotor offen. Bentley betrachtet das Elektroauto damit nicht mehr als unmittelbaren Ersatz für das gesamte Portfolio. Stattdessen sieht die Marke darin einen Einstieg, um eine neue Kundengruppe zu erreichen, während sie zugleich die Vorlieben der bisherigen, wohlhabenden Käufer weiter bedient.
Hier treffen technische und wirtschaftliche Logik aufeinander. Das erste Elektro-SUV bleibt strikt batterieelektrisch, weil Bentley es weder als Plug-in-Hybrid noch mit Verbrennungsmotor anbieten will. Walliser sagte, die Ingenieure nutzten dieses Modell, um einen neuen Kunden zu erreichen, und das Unternehmen plane nicht, die Plattform für einen anderen Antrieb umzubauen. Das ist entscheidend. Bentley verabschiedet sich nicht von der Idee des Elektroautos. Die Marke zieht sich vielmehr von den Kosten und Risiken zurück, mehrere Elektro-Projekte parallel zu tragen, während Luxus-Käufer weiterhin großen Wert auf Langstreckenkomfort, Klang, Handwerkskunst und den Charakter des Antriebs legen.
Für Bentley ist das auch eine Frage des Portfoliomanagements. Der Bentayga bleibt der Verkaufsmotor der Marke, während Continental GT und Flying Spur einen neuen V8-Hybridantrieb erhalten haben. Die Personalisierung durch Mulliner hilft zudem, den Erlös pro Fahrzeug zu steigern, selbst wenn das Gesamtvolumen sinkt. Ein Luxusautohersteller muss nicht den Massenmarkt gewinnen. Er muss den durchschnittlichen Wert jedes Geschäfts hoch halten. In einem solchen Modell wirkt ein Entwicklungsplan für fünf Elektroautos schnell zu kapitalintensiv und zu riskant, besonders wenn die chinesische Luxusnachfrage ungleichmäßig ist und der regulatorische Druck im Westen nicht mehr so eindeutig in eine Richtung läuft, wie es vor einigen Jahren schien.
Marktseitig bewegt sich Bentley damit im Gleichklang mit anderen Luxusmarken, die den Übergang zur reinen Elektromobilität verlangsamen und Hybriden mehr Zeit geben. Das bedeutet nicht, dass Elektroautos gescheitert sind. Es heißt, dass das Luxussegment nach einem realistischeren Zeitplan arbeitet. Hersteller mit sehr starken Margen können sich ein langsameres Tempo leisten, weil ihre Kunden nicht nur Technologie kaufen. Sie kaufen auch Tradition, Materialqualität und Status. In dieser Klasse muss ein Elektroauto mehr bieten als emissionsfreies Fahren am Auspuff. Es muss sich auch wie ein Bentley anfühlen.
Wenn Bentley Ende 2026 ein Elektro-SUV mit der Ladegeschwindigkeit, Reichweite und Innenraumqualität enthüllt, die eine neue Ecke des Luxusmarkts erschließt, könnte die Marke eine glaubwürdige Elektro-Erzählung wieder aufbauen, ohne den gesamten Produktplan in einem Zug zu elektrifizieren. Sollte sich dieses erste Modell jedoch als zu nischig erweisen, wird die Hybridstrategie bis weit in das nächste Jahrzehnt hinein Bentleys eigentlicher Hauptweg. Derzeit wirkt dieses zweite Szenario wahrscheinlicher. Bentley stürmt nicht mehr in die elektrische Zukunft. Die Marke arbeitet sich Schritt für Schritt dorthin vor und schützt dabei Profitabilität, Markenidentität und Kundenbindung.